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Internationales Webdesign – manchmal ist hässlich auch schön! (Gastartikel)

Für manch einen westeuropäischen Webdesigner sind einige gern genutzte chinesische Websites eine Art Kulturschock. Überall blinken Banner, grelle Farben stechen ihm ins Auge und er wendet sich mit Grauen ab. Wer Beweise für solche Aussagen benötigt, möge sich chinesische Seiten wie Sina.com.cn oder die Jobbörse 51job.com ansehen. „Andere Länder, andere Sitten, anderes Webdesign“ – wer nur Websites für deutsche Zielgruppen erstellt, mag es bei solch einem Satz belassen und sich anderen Dingen widmen.

Wer allerdings für internationale Kunden Websites entwickelt, sollte sich vielleicht doch eingehender damit beschäftigen, was im jeweiligen Zielland als gutes und attraktives Webdesign gilt. Dabei stößt er dann auch unweigerlich auf kulturelle Unterschiede im Allgemeinen sowie auf die Frage, inwieweit ehemals definierte Unterschiede mit Bezug auf Webdesign heute noch gelten. Die Sache ist ein bisschen kompliziert.

Klarheit braucht nicht jeder!

Kulturmodelle sprechen eine deutliche Sprache: In westeuropäischen Ländern sind klare Aussagen, etwa klar und deutlich ausgesprochene Kritik, vielfach positiv besetzt. Chinesen und Japaner lieben diese direkte Sprache häufig viel weniger. Direkte Kritik brüskiert schnell, man umschreibt viele Dinge eher, als sie „klar beim Namen“ zu nennen. Ist das so? Es ist wohl zumindest etwas dran! Was das mit Webdesign zu tun hat? Nun, auch Designsprache ist kulturell verankert und weist teils durchaus ähnliche Unterschiede auf.

  • Wo westeuropäische Website-Besucher Wert auf Klarheit und Übersicht einer Website legen, kann etwa für chinesische Internetnutzer eine für europäische Augen unübersichtliche Seitenstruktur durchaus die richtige Wahl beim Webdesign sein. Ein Mehr an Fotos, mehr visuelle, blinkende Elemente zeichnen oftmals chinesische Websites aus. Auch bei der Navigation durch die Seite dürfte manch einem Europäer bei chinesischen Websites die Klarheit fehlen. Wer die Unterschiede nochmals illustrieren möchte, mag sich einerseits die deutsche McDonalds-Seite Mcdonalds.de und andererseits ihr chinesisches Pendant Mcdonalds.com.cn ansehen. Letztlich gilt: Eine chinesische Website muss einem Europäer nicht unbedingt gefallen. Dass sie der chinesischen Zielgruppe gefällt, ist sehr viel wichtiger.
  • Andererseits sagt etwa Medienmacher David Hiebaum in seinem Online-Leitfaden „website usability in China“, dass sich Seiten mit westlichem Designstil eines größeren Vertrauens bei chinesischen Internetnutzern erfreuen. Das steht konträr zu einigen der oben genannten Informationen und verwirrt etwas.

Genau hier zeigt sich die Schwierigkeit, der deutsche Webdesigner bei der Produktion von Websites für Besucher aus einem anderen Kulturraum stets ausgesetzt sind. Kultur ist nicht statisch, vielmehr stets in Entwicklung. Was dem Chinesen gefällt, ist angesichts über einer Milliarde individueller Chinesen schwierig zu definieren, auch wenn Individualität allgemeinen in der chinesischen Kulturtradition weniger Bedeutung hat als in der westlichen. Und was Chinesen wichtig, gut, attraktiv finden, ändert sich bei ihnen ebenso im Lauf der Zeit wie bei Deutschen, US-Amerikanern, Nigerianern, Australiern und Brasilianern.

Die Sache mit den Farben

Farbsymbolik und -nutzung unterscheidet sich zwischen den Kulturräumen. Grün ist etwa in vielen islamischen Ländern religiösen Inhalten vorbehalten und man würde viele Menschen verärgern, wenn man die Farbe für eine Seite mit kommerziellen Inhalten verwendet. Hier kommt man schnell in den Bereich der von Kulturen definierten Tabus, die über die Frage kultureller Unterschiede hinausgehen. Wer in solchen Bereichen Fehler macht, gefährdet unter Umständen ganze Projekte.

Farbsymbolik: Die teils unterschiedliche Farbsymbolik in verschiedenen Ländern nicht zu beachten, ist da oftmals weniger folgenreich. Dennoch sollten international agierende Webdesigner wissen, dass Weiß zwar in der westlichen Kultur für Reinheit steht, in alter chinesischer Kulturtradition aber eher mit Alter oder auch Herbst und bisweilen Trauer verbunden ist. Zumindest weiß man dann, dass eine Frau im eleganten weißen Kleid einen Chinesen nicht zwangsläufig an Hochzeiten erinnert.

Internationales Webdesign zwischen Stereotypen und Ignoranz.

Wer eine Website für chinesische Internetnutzer oder die irgendeines anderen fremdsprachigen Landes entwickelt, das er nicht wirklich kennt, kommt nicht umhin, sich mit der Kultur des Landes im Hier und Jetzt zu beschäftigen. Kulturelle Unterschiede zu ignorieren, ist selten ein guter Weg. Kulturmodelle aus der Anthropologie können erste Ansätze bieten, dürfen aber nicht dazu verführen, in Stereotype zu verfallen (alle Chinesen lieben Blinkendes). Gut sind Erfahrungsberichte von Designern, die bereits seit längerer Zeit Websites für Internetnutzer des jeweiligen Landes entwickeln. Noch besser ist die Kooperation mit Menschen, die im Land Zuhause sind und vielleicht täglich Websites in der jeweiligen Sprache im Internet besuchen. Das schafft den nötigen Abstand zu eigenen Vorstellungen von „hässlich“ und „schön“ und lässt einen in eine Kultur eintauchen, in der viele Menschen Dinge vielleicht ganz anders sehen.

Über den Autor: Christian Arno ist Gründer und Geschäftsführer des internationalen Übersetzungsbüro Lingo24, der auf drei Kontinenten tätig ist. Folge Lingo24 auf Twitter.

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Ich heiße Niclas Hellberg, komme aus Hamburg und arbeite momentan als Interaction Designer bei XING und Traumhaftes Italien. href="http://twitter.com">Twitter